POLITIK UND MEDIEN .de
Dr. Daniel Delhaes

8. Besonderheiten für Medien und Politik

8.1. Multiplikatoreffekt durch Leitmedien

An dieser Stelle soll noch auf die Rolle der Leitmedien im Mediensystem eingegangen werden. „Leitmedien“ haben zweifelsohne einen großen Einfluss auf die bundesweite Berichterstattung.1 Sie können aber nicht als Druckpunkte identifiziert werden, da sie auf interner Anschlussfähigkeit beruhen und nicht (wie die untersuchten Druckpunkte) Anschlussfähigkeit zwischen Systemen herstellen. Leitmedien als Druckpunkte zu identifizieren wäre eine Tautologie. Als Druckpunkte können nur solche Faktoren mit Blick auf die Fragestellung gelten, die als Kommunikation der Umwelt zu Anschlussfähigkeit im Mediensystem führen. Kommunikation anderer Medien, speziell der Leitmedien, gilt aber als systeminterne Kommunikation, die mit hoher Sicherheit Kommunikation im System anschließt. Druckpunkten im Sinne dieser Untersuchung entspricht dies aber nicht. Allein die Tatsache, dass eine weit verbreitete (aufgrund der Zahl der berichtenden Medien) Aufmerksamkeit entsteht, mag zusätzliche Kommunikation in anderen Systemen auslösen. Medien beziehen sich auf andere Medien in der Entscheidung über die Veröffentlichung eines Themas.2 Es findet eine rekursive Schließung im sozialen System der Medien statt. Entscheidend sind hier die Leitmedien, also Medien, denen von anderen Medien eine hohe Kompetenz zugewiesen wird, die bundesweit erscheinen, Aufmerksamkeit im politischen System genießen, eine hohe Auflage besitzen und somit häufig zitiert werden.3

Abbildung 1: Zitierte Medien von Januar bis Ende Juni 2000

Medium

Häufigkeit der Zitation

Spiegel

867

Bild

586

Welt am Sonntag

549

Focus

532

Quelle: Medien Tenor, Juli 2000.

Zitation durch andere Medien bedeutet nicht, dass das damit verbundene Thema längerfristig von den Medien behandelt wird. Bei der Bedeutung der Leitmedien kommt aber zum Tragen, dass unter den Befragten der Umfrage dieser Arbeit hohe Skepsis darüber besteht, ob die inhaltliche Tragweite eines Themas über die Berichterstattung entscheidet. Ein Korrespondent führte an, dass Journalisten bei neuen Themen die inhaltliche Tragweite nicht beurteilen könnten, ein anderer verallgemeinerte dies und meinte, es könne niemand wissen, ob ein Thema inhaltliche Tragweite habe oder nicht. Diese Argumentation gibt auch eine Erklärung dafür, weshalb einige Medien eine so gewichtige Rolle im sozialen System Medien spielen und die anderen leiten. Sie dienen anderen Medien zur Orientierung. Besitzen Medien eine hohe Glaubwürdigkeit und berichten sie immer wieder zeitnah und exklusiv, so werden sie von anderen Medien besonders stark reflektiert.

Die Berichterstattung der Leitmedien löst regelmäßig eine Welle von Folgeberichten aus. Dominant sind am Wochenende etwa der Spiegel, die Welt am Sonntag und die Bild am Sonntag sowie zu Teilen der Focus. Dies muss auch wieder unter dem Aspekt der Kontextbezogenheit betrachtet werden. An den Wochenenden wird in der Regel keine aktive Politik betrieben, so dass es temporär zu einer nachrichtenarmen Zeit kommt. Entsprechend füllen Sonntag für Sonntag die Leitmedien die Fernseh- und Hörfunknachrichten, die am Folgetag in der Regel in den Tageszeitungen ihren Niederschlag finden. Das bedeutet aber nicht, dass die Themen anschlussfähig sind und entsprechend eine mediale Karriere bevorsteht. Vielmehr sind die Montagszeitungen aufgrund ihres Erscheinungstages gezwungen, in einem informationsarmen Kontext Information zu produzieren. Jede Agentur-Meldung dient letztlich dazu, die nachrichtenarmen Wochenenden mit Inhalt zu füllen. Ein Korrespondent des Spiegels schreibt dazu: „Das Thema bleibt dabei umso länger am Leben, je eher es sich ‚weiterdrehen’ lässt (also der Pressemeute möglichst viele Facetten für die weitere Berichterstattung bietet, zugleich aber leicht verständlich bleibt).“

Produzieren andere Medien keine Anschlusskommunikation, dann handelt es sich bei der kurzfristig zitierten Berichterstattung um einen „Wochenend-Knallfrosch“, wie es Reuber formuliert. Er war während der gesamten Amtszeit von Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) dessen Pressesprecher. „Nachrichtenarme Wochenenden sind hervorragend geeignet, politisch-journalistische Knallfrösche flächendeckend durch die Nachrichten zu schießen. Spätestens dienstags ist alles wieder vorbei, abgehakt und abgeheftet.“4 Reuber beschreibt das Phänomen der Nachrichtenproduktion an Wochenenden:

Abbildung 2: Berichterstattung am Wochenende

„An jedem Wochenende erscheinen in Deutschland ein halbes Dutzend Zeitungen und Magazine. [...] Sie [die Korrespondenten] müssen eine Geschichte finden. [...] Insider umschreiben dieses Geschäft mit dem lakonischen Satz: ‚Mach die Geschichte und suche den Abgeordneten, der sie vertritt.’ [...] Das Drehbuch folgt immer dem gleichen Muster:

1. Akt: In der Nacht zu einem x-beliebigen nachrichtenarmen Samstag trifft in den Zentralredaktionen der Nachrichtenagenturen eine Meldung über die neuen Rentenpläne der Bundesregierung ein. [...] Ein Zufall, wenn der Nachtschicht-Redakteur viel mehr von der Rente verstünde, als dass man sie mit zwei ‚n’ schreibt. Also hebt er die Meldung auf den Ticker. [...]

2. Akt: Am Samstag läuft ab 6.00 Uhr morgens in den Rundfunk-Nachrichten die Meldung. [...]

3. Akt: Der Pressesprecher des Bundesarbeitsministeriums hört die Meldung und weiß, dass dieses Wochenende für ihn gegessen ist. Um 9.00 Uhr Telefonat mit dem Minister. Die ‚Sprachregelung’ wird abgestimmt. [...]

4. Akt: Das Kanzleramt (wer ist das eigentlich am Samstagmorgen?) wünscht, dass die Sprachregelung als Presseerklärung rausgeht, damit das Thema endlich aus den Nachrichten verschwindet. Das Erste geschieht, das Zweite nicht. Aber ab 10 Uhr werden die Nachrichten mit dem Zusatz versehen: ‚Ein Sprecher des Bundesarbeitsministeriums erklärte dazu ...’

5. Akt: In den Samstagabend-Nachrichten des Fernsehens wird unschuldig der Vorgang protokolliert: ‚In der Bundesregierung gibt es Überlegungen ... Wie die XY-Zeitung berichtet, hat der Abgeordnete Y ... Das Bundesarbeitsministerium erklärte dazu ...’ Erneut hektische Telefonate zwischen Kanzleramt, Ministerium und Pressesprecher: So kann das doch nicht stehen bleiben!

6. Akt: Die Sonntagsdienst-Korrespondenten der Tageszeitungen trudeln mittags in ihren Büros in der Hauptstadt ein und sichten die Agentur-Lage. [...] Die Chefredaktion will einen Hintergrund-Bericht.

7. Akt: Die Berichterstattung in den Montags-Zeitungen ist diffus. [...]

8. Akt: Dienstags ist der Wochenend-Knallfrosch erledigt, abgehakt, abgeheftet, tot. [...] Bis zum nächsten Wochenende sind es noch vier Tage.“

Quelle: Reuber 2000, S. 9ff.

Im Extremfall des „Wochenendknallfrosches“ zeigt sich, dass die Leitmedien fern der Bewertungsregeln des politischen Systems entscheiden, worüber sie berichten. Für Medien entscheidet, ob sich Kommunikation erzeugen lässt, über die dann berichtet wird. Wenn etwa in einer Zentralredaktion eine These für einen Artikel formuliert wird, kann nur dann die These umgesetzt werden, wenn sie sich über Kommunikation aus dem politischen System heraus bestätigen lässt. Die Wirklichkeitsillusion muss bestätigt werden, ansonsten wird sie entlarvt, was das soziale System Medien gefährdet. Die Wirklichkeitskonstruktion muss viabel sein.

Der einzelne Artikel, der „Wochenendknallfrosch“ auf den keine weitere Kommunikation folgt, kann systemtheoretisch formuliert als Irritation betrachtet werden. So lange die Themen in der Folge im politischen System nicht aufgegriffen werden, verschwinden sie aus der öffentlichen Darstellung und Meinung. Insofern obliegt es dem politischen System, die politische Agenda zu bestimmen.

Leitmedien spielen darüber hinaus eine große Rolle, weil ihnen ein hohes Maß an Seriösität und Investigativität zugesprochen wird. Damit sind sie nicht nur im eigenen System hochgradig anschlussfähig, sondern vor allem auch in anderen sozialen Systemen. Dies erzeugt eine Wechselwirkung: Produziert ein Medium immer wieder Anschlussfähigkeit etwa im politischen System, so steigt auch die Chance auf Zitation in anderen Medien. Umgekehrt steigt die Aufmerksamkeit des politischen Systems, wenn Medien breitflächig über ein Thema berichten.

8.2. Kommunikationsunterschiede zwischen Regierung und Opposition

Die Druckpunkte des Mediensystems determinieren auch die Art und Weise der Berichterstattung über Regierung und Opposition. So wie diese Kontrahenten ihre politische Kommunikation unterschiedlich gestalten, so werden sie auch von den Medien unterschiedlich behandelt.5 Die Ergebnisse des empirischen Teils dieser Arbeit unterstreichen den andersartigen Charakter. Regierung und Opposition bilden die Leitdifferenzierung im politischen System, folgend dem Leitcode Macht/Nicht-Macht. Diese Differenzierung ist für das Mediensystem von eminenter Bedeutung. Dies hat mehrere Ursachen.

In Bezug auf die Regierung:

Aussagen der Regierung bedeutet potentiell stets die Ankündigung einer Entscheidung, zumindest die Option auf eine solche. Entsprechend wird der Druckpunkt „Prominente und deren Meinung“ bedient, analog zu „Mächtige und deren Meinung“. Die Aussage eines prominenten Politikers bedeutet für die Medien eine hohe Chance auf Anschlussfähigkeit und Zitation, wenn die Aussage exklusiv vorliegt. Um ihre Macht zu demonstrieren und zu erhalten, verlautbart Regierung wiederum in der Regel nur Themen, die sich am Ende auch durchsetzen lassen. Eine Äußerung muss keine Entscheidung nach sich ziehen, sie kann aber.

Aussagen der Regierung bedeuten in der Regel Aktualität, womit auch dieser Druckpunkt bedient wird. Aussagen, Ankündigungen und so weiter. können leicht über den Druckpunkt „Aktualität, Exklusivität“ an Leitmedien lanciert werden, die dann eine Folgeberichterstattung auslösen.

Aussagen der Machthaber rufen in aller Regel Kritik hervor – mindestens von der Opposition –, so dass Anschlussfähigkeit für die Medien gewährleistet ist.

Mit Blick auf den Druckpunkt „Unterhaltung“ ist es immer bedeutend, welche Kommunikation über Regierungsmitglieder möglich ist. Es kann sogar behauptet werden: Ab einem gewissen Grad an Prominenz ist es beliebig, was ein Prominenter inhaltlich an Kommunikation produziert – jedwede Äußerung wird von den Medien ohnehin aufgegriffen.6 Prominente Politiker können dabei genauso unterhaltend publiziert werden wie Prominente aus anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.7

In Bezug auf die Opposition:

Aussagen der Opposition haben in aller Regel keine Folgen (in Form von Entscheidungen etc.). Entsprechend unwahrscheinlich ist die Anschlussfähigkeit, entsprechend gering damit die Bedeutung solcher Äußerungen für die Medien.

Aussagen der Opposition erfüllen in der Regel nicht den Druckpunkt „Aktualität“. In der Regel reagiert die Opposition auf Kommunikation der Regierung; sie agiert nur selten. Das Angebot von Alternativen zu politischen Angeboten der Regierung, die indes den Druckpunkt „Aktualität“ bedienen können, findet weniger starke Beachtung in den Medien, weil die Durchsetzbarkeit fehlt. Entsprechend muss Regierung gar nicht erst auf Kommunikation der Opposition reagieren, wie auch andere Kommunikationen im politischen System nicht folgen müssen. Erst im Wahlkampf, wenn die Alternativen tatsächlich „wählbar“ werden, erzeugen sie Resonanz in den Medien. In diesen Fällen muss auch Regierung auf Kommunikation der Opposition reagieren.

Weil Aussagen der Opposition nicht zwingend anschlussfähig sind, muss die Aussage ihrer politischen Vertreter andere Druckpunkte erfüllen, wie etwa „Originalität“, „Verschlagwortung“, „Indiskretionen“ oder „Konflikt“.

Aussagen der Opposition werden in der Regel nur dann wahrgenommen, wenn sie von Prominenten geäußert werden. Darunter fallen etwa ehemalig Regierende oder Personen, die entsprechende Machtpositionen des politischen Systems besetzen wie etwa Parteivorsitzende oder Fraktionsvorsitzende.8

Es zeigt sich: Fehlt die Anschlussfähigkeit, dann kann letztlich auch keine Themenkarriere entstehen. Entsprechend sind Artikel in aller Regel derart strukturiert, dass die Aussagen der Regierung am Anfang stehen, während Aussagen der Opposition sich erst daran anschließen, oder erst auf die Reaktionen von Interessengruppen folgen. Regierung hat somit zwangsläufig einen Kommunikationsvorteil, der soweit geht, dass die Machthaber des politischen System darüber entscheiden, worüber im öffentlichen Raum des politischen Systems kommuniziert wird.

Chance zur Profilierung besitzt eine Opposition wenn etwa Krisen, Missstände und ähnliches zum Thema der Berichterstattung wird. Solche Phänomene produzieren über die Kommunikation Entscheidungsdruck. Regierung wie Opposition versuchen über das Aspektemanagement die Diskussion in die für sie vorteilhafte Richtung zu lenken. Regierung will bei diesen Themen vor allem Handlungsfähigkeit demonstrieren und damit Macht. Es wird eine Entscheidung angekündigt. Opposition dagegen versucht die Handlungsunfähigkeit der Regierung zu konstruieren, um daraufhin Alternativen zu präsentieren. Beide Seiten konstruieren über dieses Schema Kausalitäten und besitzen die Chance sich zu profilieren. In solchen Fällen hat eine Opposition die Gelegenheit sich zu profilieren und sich als Alternative zu den bestehenden Machthabern zu präsentieren.