POLITIK UND MEDIEN .de
Dr. Daniel Delhaes

5. Perspektiven der neueren Systemtheorie

5.1. Interpenetration sozialer Systeme

Bei der Analyse des politischen Systems Deutschlands schlussfolgert Rudzio, dass die Qualität einer Gesellschaft wesentlich davon abhängt, wie sie kommuniziert.1 Die Systemtheorie geht sogar noch einen Schritt weiter: Gesellschaft konstituiert sich über Kommunikation.2 In der modernen Gesellschaft differenzieren sich die einzelnen Systeme über ihre jeweils systemspezifische Kommunikation. Nicht Personen sind entscheidend, sondern Kommunikation.

Die klassisch politikwissenschaftliche Sichtweise wird durch systemtheoretische Grundzüge ergänzt und modifiziert. Dies hat den Vorteil, Medien und ihre Leistungen für die Gesellschaft weitergehend analysieren und Erklärungsansätze in Bezug auf ihre Funktionen im politischen System entwickeln zu können. Erste Ansätze finden sich bereits. „Dem entspricht es, dass Massenkommunikationssysteme in modernen Gesellschaften als ‘ein selbstreferentiell-geschlossen operierendes, relativ autonomes Funktionssystem’ mit der Aufgabe zu verstehen sind, Nicht-Öffentliches in Öffentliches zu transformieren.“3 Klassische handlungstheoretische Input-Output-Modelle verneinen dagegen selbstoperierende Systeme. Diese Modelle besitzen spezifische Vorteile wie etwa die Policy Analyse. Allerdings werden sie nicht als Reflexionstheorie genutzt, mit der analysiert wird, wie die Politik selbst beobachtet, wie Medien beobachten und was das für das Zusammenspiel der verschiedenen Systeme bedeutet. Diese Analyse wird in dieser Arbeit angestrebt und ist ein Grund dafür, hier im stärkeren Maße Bezüge zur Soziologie und der Kommunikationswissenschaft herzustellen, die sich seit geraumer Zeit mit der Interpretation sozialer Systeme unter systemtheoretischen Aspekten beschäftigt. In der Kommunikationswissenschaft wird immer öfter vom „System“ der Medien gesprochen statt den handlungstheoretischen Ansatz zu nutzen.4

Luhmann beschreibt soziale wie auch psychische Systeme mit Hilfe der „Nicht-trivialen Maschine“ von Heinz von Foerster.5 Nicht-triviale Systeme zeichnen sich darin aus, dass sie unabhängig von ihrer Umwelt handeln können. Vor allem aber folgen sie einem historischen Kontext. Erkennen setzt voraus, dass auf vorangegangene Unterscheidungen zurück gegriffen wird. Im Gegensatz zu „trivialen Maschinen“ die der linearen Input-Output-Logik folgen, versorgen sich „nicht-triviale Maschinen“ mit ihrer eigenen Kausalität. „Individuen und erst recht soziale Systeme sind nicht-triviale Systeme zumindest in dem Sinne, dass sie in komplexer und perplexer Weise auf externe Stimuli reagieren – und zudem selbst festlegen, was sie als Stimuli überhaupt zu akzeptieren bereit sind.“6 Ihr Verhalten bestimmt sich aus ihren - handlungstheoretisch als „black-box“ definierten - inneren Zuständen, die sich immer auf ihren historischen Kontext beziehen, ihre Kognition und Identität. Nicht-triviale Maschinen gehorchen der eigenen Systemdynamik, die sie zu einem gewissen Grad unabhängig von den Ursachen aus der Umwelt macht. Sie zeichnen sich durch eine Zirkularität ihrer Operationsweise aus, also durch eine innere, autonome Systemlogik.7

Luhmann hält fest, dass Erkennen nicht Abbilden oder Repräsentieren der Außenwelt im System bedeutet. Die Welt ist für jedes System das, was als Einheit der Differenz zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz angenommen werden muss. Erkennende Systeme können zwar zwischen innen und außen, Selbstreferenz und Fremdreferenz sowie etwa zwischen Begriffen und Gegenständen unterscheiden. Dies sind aber jeweils nur interne Unterscheidungen, die rückgekoppelt sind an die Geschichte des Systems.8 Luhmann schreibt daher einerseits: „Kein Zweifel also, dass die Außenwelt existiert, und ebenso wenig ein Zweifel daran, dass ein wirklicher Kontakt mit ihr möglich ist als Bedingung der Wirklichkeit der Operationen des Systems selbst.“9 Andererseits stellt er fest: „Kognitiv muss [..] alle Realität über Unterscheidung konstruiert werden und bleibt damit Konstruktion.“10

Diese Idee radikalisiert Luhmann mit dem von Maturana und Varela stammenden Autopoiese-Konzept11, das seine Ursprünge in der Naturwissenschaft hat. Es besagt im Kern: „Autopoietische Systeme sind bestimmt durch ein Netzwerk von Interaktionen der Bestandteile, die durch ihre Interaktionen rekursiv das Netzwerk derjenigen Interaktionen generieren, das sie hergestellt hat, und die das Netzwerk als eine Einheit in demjenigen Raum verwirklichen, wo die Bestandteile existieren, indem sie die Grenzen der Einheit als Ablösung vom Hintergrund konstituieren und spezifizieren.“12 So konnte etwa bei der menschlichen Zelle nachgewiesen werden, dass einzelne Stoffwechselvorgänge von anderen abhängen und umgekehrt.13

Bedeutsam für die Systemtheorie nach Luhmann ist vor allem auch der radikale Konstruktivismus. Von Foerster formuliert pointiert: „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist eine Erfindung.“14

Abbildung 1: Wirklichkeit als „Krücke“

Heinz von Foerster verdeutlicht dies anhand der „Geschichte vom 18. Kamel“:

„Ein Mullah ritt auf seinem Kamel nach Medina; unterwegs sah er eine Herde von Kamelen; daneben standen drei junge Männer, die offenbar sehr traurig waren. ‚Was ist euch geschehen, Freunde?’ fragte er, und der älteste antwortete: ‚Unser Vater ist gestorben.’ ‚Allah möge ihn segnen. Das tut mir leid für euch. Aber er hat euch doch sicher etwas hinterlassen?’ ‚Ja’, antwortete der junge Mann, ‚diese siebzehn Kamele. Das ist alles, was er hatte.’ ‚Dann seid doch fröhlich! Was bedrückt Euch denn noch?’ ‚Es ist nämlich so’, fuhr der älteste Bruder fort, ‚sein letzter Wille war, dass ich die Hälfte seines Besitzes bekomme, mein jüngerer Bruder ein Drittel und der Jüngste ein Neuntel. Wir haben schon alles versucht, um die Kamele aufzuteilen, aber es geht einfach nicht.’ ‚Ist das alles, was euch bekümmert, meine Freunde?’, fragte der Mullah. ‚Nun, dann nehmt für einen Augenblick mein Kamel, und lasst uns sehen, was passiert.’ Von den achtzehn Kamelen bekam jetzt der älteste Bruder die Hälfte, also neun Kamele, neun blieben übrig. Der mittlere Bruder bekam ein Drittel der achtzehn Kamele, also sechs; jetzt waren noch drei übrig. Und weil der jüngste Bruder ein Neuntel der Kamele bekommen sollte, also zwei, blieb ein Kamel übrig. Es war das Kamel des Mullah; er stieg wieder auf und ritt weiter und winkte den glücklichen Bauern zum Abschied lachend zu.“

Foersters Kommentar: „So, wie das achtzehnte Kamel, so braucht man Wirklichkeit als eine Krücke, die man wegwirft, wenn man sich über alles klar ist.“

Quelle: Segal 1988, S. 9.

Die konstruktivistische Erkenntnistheorie geht im Gegensatz zum naiven Realismus oder zum kritischen Realismus davon aus, dass menschliches Erkennen nicht von der Struktur der realen Welt abhängt, sondern vielmehr von den eigenen Erfahrungen, der Sozialisation. Unser Gehirn verarbeitet die Informationen, die unsere Sinnesorgane bereitstellen, und verbindet sie mit unserem Kontext.

Niklas Luhmann hat wesentliche Gedanken des radikalen Konstruktivismus aufgegriffen und in seiner Theorie sozialer System verarbeitet. In dieser Theorie wird das Soziale nicht über Individuen definiert, sondern als ein Kommunikationszusammenhang begriffen. Auf den Journalismus übertragen wurde diese Theorie Luhmanns in seiner Veröffentlichung zur „Realität der Massenmedien“15. Demnach kann Journalismus als ein soziales System mit einer spezifischen Eigenlogik begriffen werden. Medien spiegeln entsprechend nicht Realität, auch wenn sie scheinbar objektive Nachrichten produzieren. Die Eigenlogik des Systems gehorcht vielmehr selbstproduzierten Gesetzmäßigkeiten, die Nachrichten als eine eigene Konstruktion von Wirklichkeit erscheinen lassen.

Die neutrale Position, das Beschreibende, verändert das Beschriebene, der Anspruch auf Informations-, Artikulations-, Kritik- und Kontrollfunktion muss in diesem Sinne überdacht werden. Dagegen treten der eigene Anteil an gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion, die Rückkopplung zwischen beschreibendem Subjekt und dem beschriebenen Objekt, die systemeigene Anforderung an Kommunikation und die systemspezifischen Wahrnehmungsfilter in den Vordergrund. Die klassische politikwissenschaftliche Sichtweise in Bezug auf die Medien wird dem nicht uneingeschränkt gerecht. Vielmehr agieren Medien in einer anderen Form, als in der klassischen Politikwissenschaft idealtypisch unterstellt und gefordert wird.

5.2. Das soziale System Medien

5.2.1. Wirklichkeitskonstruktion durch Medien

Die Schlüsselideen des radikalen Konstruktivismus demonstrieren, dass es mit normativen Begriffen wie Wahrheit und Objektivität alleine nicht möglich ist, die Medien innerhalb des politischen Systems adäquat zu positionieren:

Die Wirklichkeit des Menschen wird nicht von ihm in der phänomenalen Welt gefunden, sondern aus dem kognitiven System selbst heraus erfunden.

Wirklichkeitskonstruktionen sind nicht beliebig, sie können scheitern.

Das Scheitern gibt keinen Aufschluss über den „wahren“ Grund des Scheiterns. Es führt zu keinem Abbild von Realität.

Wirklichkeitskonstruktionen verändern sich evolutionär.16


Wahrheit ist etwas Absolutes (und auch Dauerhaftes), während das für die Information nicht gilt. „Die Realität der Massenmedien, ihre reale Realität könnte man sagen, besteht in ihren eigenen Organisationen. Es wird gedruckt und gefunkt. Es wird gelesen. Sendungen werden empfangen.“17 Das System setzt sich immer wieder Irritation aus und übersetzt sie dann in Informationen. „Irritation ist die Innenseite der strukturellen Kopplungen zwischen den sozialen Systemen der Gesellschaft.“18 Die Realität der Medien ist nach Luhmann immer eigene Konstruktion.

„Realität“ meint nach Luhmann die Operation des Sich-Beziehens. Real ist nicht nur der Gegenstand oder die Wahrnehmung, auf den oder auf die man sich bezieht, sondern auch der Vorgang des Referierens. Realität und Illusion können nicht unterschieden werden. Die Beobachtung ersten und zweiten Grades bedeutet für das System Medien eine Realitätsverdopplung. „Es kommuniziert tatsächlich - über etwas. Über etwas anderes oder über sich selbst.“19 Realität besteht neben Operationen aus dem, was für Medien als Realität erscheint. „In Kantischer Terminologie gesprochen: Die Massenmedien erzeugen eine transzendentale Illusion.“20

Entscheidend sind auch hier wieder Selbstreferenz und Fremdreferenz. Nur wenn das System unterscheiden kann, ist es ein System. Die operative Geschlossenheit, also die Differenz von System und Umwelt, wird damit in das System kopiert. Luhmann spricht in zweifacher Weise von der Realität der Massenmedien. Zum einen geht es um die „reale Realität“ der Massenmedien, definiert über die internen Kommunikationen. Medien erfahren sich als real. Zum anderen entsteht eine Realität auf der Seite der Empfänger der Massenmedien, die durch die Kommunikationen hervorgeht.

Den systemtheoretischen Perspektivwechsel formuliert Luhmann wie folgt: „Man kann die ‘Realität der Massenmedien’ [...] nicht begreifen, wenn man ihre Aufgabe in der Bereitstellung zutreffender Informationen über die Welt sieht und daran ihr Versagen, ihre Realitätsverzerrung, ihre Meinungsmanipulation misst - so als ob es anders sein könnte.“21 Und weiter: „Ihre Präferenz für Information, die durch Publikation ihren Überraschungswert verliert, also ständig in Nichtinformation transformiert wird, macht deutlich, dass die Funktion der Massenmedien in der ständigen Erzeugung und Bearbeitung von Irritation besteht - und weder in der Vermehrung von Erkenntnis noch in einer Sozialisation oder Erziehung in Richtung auf Konformität und Normen.“22

Im Mediensystem geht es nicht um die alltägliche Verzerrung von Realität oder um in Kauf genommene Täuschung durch sogenannte „Enten“, also Falschmeldungen. Systemtheoretisch kann viel grundlegender formuliert werden, dass Nachrichten nicht transferiert, sondern durch das System selbst produziert werden. Bindende Entscheidungen für die Gesellschaft kann in der funktional-differenzierten Gesellschaft nur das politische System treffen. „’Öffentliche Meinung’ ist demgegenüber einzig und allein darauf spezialisiert, den Themenhaushalt für die Entscheidungsfähigkeit des politischen Systems bereitzustellen. So gesehen dient öffentliche Meinung dem ‚Einfangen von Aufmerksamkeit’ für politische Themen.“23 Dabei darf nicht unterstellt werden, dass allein die Medien Themen bereitstellen. Vielmehr bieten alle Systeme Informationen an, die dann vom System Medien verarbeitet werden können. Wieder muss hier zwischen Öffentlichkeit und der durch Medien dargestellte öffentliche Meinung unterschieden werden. Hier kommt die Selbst- und Fremdreferenz der Systeme zum Tragen sowie die Anschlussfähigkeit eigener Kommunikation in anderen Systemen.

Luhmann äußert sich entsprechend: „Ich glaube nicht, dass Wahrheit das zentrale Moment der Medien sein kann.“24 Er verabschiedet sich von normativen Kausalketten, die erst ein Objektivitätspostulat formulieren und dann die Darstellungen der Medien mit diesem Postulat vergleichen. Nur aus der normativen Sichtweise heraus kann etwa die Frage gestellt werden, ob Medien bestimmten Interessen folgen. Das soziale System Medien operiert nach Luhmann gemäß der Codierung Information/Nicht-Information. So betrachtet spielt Wahrheit eine untergeordnete Rolle.

Dabei können Medien jedoch nicht beliebig Realität konstruieren, also in der Terminologie der Wahrheit gesprochen: Unwahres berichten. Die systemtheoretische Beschreibung billigt keine Willkür über die Berichterstattung. Die Systemleistung der Medien besteht gerade darin, eine Wirklichkeitsillusion aufrecht zu erhalten. Anderen Systemen wird suggeriert, die Kommunikation der Medien sei eine objektive, an der Wahrheit orientierte. Nur, wenn das gelingt, werden Medien auch als solche wahrgenommen. Diese Illusion ist von entscheidender Bedeutung für das System. Entsprechend fällt auch Gewicht auf eine richtige Recherche vor der Publikation.25 Die Informationen müssen für andere Systeme qualitativ zur Verarbeitung geeignet sein, ansonsten verlieren Medien ihre Legitimation.

Den Unterschied zwischen Konstruktion und Realität bringen die Medien eigenständig zum Ausdruck – wenn auch nicht immer bewusst. Dass eine alleinige Realität oder Wahrheit nicht existiert und dass dies vor allem von den Medien anerkannt wird, verdeutlicht dabei der Begriff des „Reality-TV“. Fernsehsendungen, die ohne größere Produktionsleistung, der Alltag von Menschen dokumentieren, gelten als Form des „realistischen“ Fernsehens. Was also senden dann andere Medien, speziell Informationsmedien, wenn nur die „Reality-Show“ den Anspruch erheben will, wirklichkeitsnah zu berichten? Die Begriffsschöpfung „Reality-TV“ wird daher auch unter der Rubrik „intelligente Werbung“ verzeichnet. „Im Kampf um die Zuschauer übertreffen sich die Sender in der Frage, wer die ‚wirklichere Wirklichkeit’ zeigt.“26

Kommunikation, die früher von Mund zu Mund transportiert wurde, übernehmen heute die Medien aufgrund der gestiegenen Komplexität und der Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Medien entscheiden so, was als situativ und damit als vergessenswert gilt und was nachhaltig im kollektiven Gedächtnis bleiben soll. Misstrauen besteht immer wieder. „Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können.“27 Entsprechend kritisch werden die Medien und ihre Kommunikationsmechanismen betrachtet. Zum einen wird ihnen Macht zugesprochen, weil sie die „face-to-face“-Kommunikation zu einem Großteil ersetzen, zum anderen, weil sie Realität nicht in dem Sinne abbilden, wie sie andere erfahren. Entsprechend müssen sich Medien immer wieder legitimieren, indem sie die Wirklichkeitsillusion aufrecht erhalten.

Entscheidend für jegliche Handlung des Mediensystems ist die Leitcodierung. Seit der autopoietischen Wende der Luhmannschen Systemtheorie haben Wissenschaftler nach Erklärungsmustern und Codierungen gesucht. So versuchte Rühl, das System/Umwelt-Paradigma als äquivalenzfunktionale Methode in ihrer sachlichen, sozialen und zeitlichen Dimension auszudifferenzieren:28 Er ermittelt einen Leitcode für den Journalismus, der dem der Ökonomie, also Zahlung/Nicht-Zahlung folgt. Damit aber entfiele mit der nötigen systemtheoretischen Disziplin die Eigenständigkeit eines sozialen Systems Medien und auch damit seine Notwendigkeit:29

Spangenberg kommt dagegen zu der Codierung aktuell/nicht-aktuell. Da sich der Literaturwissenschaftler aber fast ausschließlich auf das Fernsehen bezieht, wird damit der Faktor Zeit in seiner Eigenschaft sehr eingeschränkt betrachtet. Zeit hingegen ist eine der wichtigsten Besonderheiten und Zwänge des Mediensystems, vor allem der täglich erscheinenden Printmedien. Zum einen wirkt Zeit in der Frage der Produktion: Während eine Zeitung produziert wird, laufen bereits die neuen Informationen ein, die womöglich mit der nächsten Produktion keine Informationen mehr sind. Zeit schafft damit Inaktualität. Zum anderen muss eine Information zweifelsohne aktuell sein, um von den Medien verarbeitet zu werden. Allerdings gilt Aktualität dabei nur als ein Kriterium, um aus Sicht des sozialen Systems Medien zu einer Selektion zu gelangen. Darüber hinaus existieren eine Vielzahl anderer Kriterien, die unter Umständen eine gewichtigere Rolle spielen und in der Themenkonkurrenz Informationen verdrängen.30

Der Begriff der „Aktualität“ wird mit der Ausdifferenzierung des sozialen Systems Medien darüber hinaus immer schwieriger. Oftmals lässt sich kaum mehr ausmachen, ob eine Information neu, also aktuell und exklusiv ist oder nicht. Das liegt in der Vielzahl der Medien begründet, die sich kaum mehr überblicken lässt, so dass zwangsläufig eine Reduktion der Wahrnehmung erfolgt. Infolgedessen ist es für Medien immer schwieriger, Informationen von Nicht-Informationen – aufgrund der Codierung aktuell/nicht-aktuell - zu unterscheiden.

Zeit spielt auch insofern eine Rolle, als dass Medien politische Informationen in der Regel selten durch eigene Teilnahme erhalten, sondern durch folgende Mitteilung über Dritte, etwa in Form von Pressekonferenzen. Daher ist eine gewisse Inaktualität systemimmanent.

Mit der Veröffentlichung entsteht schlussendlich Inaktualität. „Das System veraltet sich selbst.“31 In letzter Konsequenz kann man sagen, dass Massenmedien den Faktor Zeit für eine Gesellschaft neu definieren, indem sie immer Neuigkeiten produzieren und damit neben die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit ziehen.

Luhmann unterscheidet drei „Programmbereiche“ der Massenmedien: Nachrichten/Berichte, Unterhaltung sowie Werbung.32 Aus den Informationen der Nachrichten reproduziert das System der Massenmedien erneut Informationen. Dies geschieht, wenn die Information zur Kommunikation genutzt wird und sich daran neue Kommunikation anschließt. Geschieht dies intensiv, so kann bei der Behandlung des Themas von „Karriere“ gesprochen werden. Auf diesem Wege können auch „alte“ Informationen (streng genommen Nicht-Informationen) wieder zu Informationen werden. „Aller Selektion, und das gilt für die alltägliche Kommunikation ebenso wie für die herausgehobene der Massenmedien, liegt also ein Zusammenhang von Kondensierung, Konfirmierung, Generalisierung und Schematisierung zugrunde, der sich in der Außenwelt, über die kommuniziert wird, so nicht findet. Das steckt hinter der These, dass erst die Kommunikation (oder eben: das System der Massenmedien) den Sachverhalten Bedeutung verleiht. Sinnkondensate, Themen, Objekte entstehen, um es mit einem anderen Begriff zu formulieren, als ’Eigenwerte‘ des Systems massenmedialer Kommunikation.“33

Massenmedien füllen damit das soziale Gedächtnis; sie bestimmen, was in einer Gesellschaft erinnert und was vergessen wird. Es entsteht die „Realität“ der Gesellschaft. Entsprechend definiert Luhmann die gesellschaftliche Funktion der Massenmedien.34 Das massenmedial erzeugte Gedächtnis dient der Gesellschaft als Grundlage zur Kommunikation. Der Fokus verschiebt sich damit von dem Problem, welchen Wahrheitsgehalt eine Nachricht im einzelnen trägt, zu der Frage, wie es dem Mediensystem gelingt, fortlaufend Nachrichten zu produzieren. Dabei operiert das Mediensystem hochselektiv, immer und immer wieder nach Maßgabe des Codes Information/Nicht-Information. Die politikwissenschaftliche Kritik führt aus dieser Perspektive zu keinem Ergebnis, weil damit vorausgesetzt wird, dass ein Ereignis von einem Beobachter und zugleich unabhängig jeglicher Sozialisation und Erfahrung beschrieben werden könnte, um diese unabhängige, wertneutrale und damit auch wahrheitsgemäße Beschreibung mit dem Abbild der Medien zu vergleichen. Im Sinne der Systemtheorie muss vielmehr festgestellt werden, dass es nicht Aufgabe der Medien ist, im Sinne oder im Rahmen der Wahrnehmung des politischen Systems zu berichten. Medien streben dagegen an, dass Informationen dergestalt sind, dass sie vom politischen System verarbeitet werden. Ein Nicht-Information wird dies genauso wenig wie eine Falschinformation.

Für die Medien von zentraler Bedeutung ist die „Unterhaltung“. Die Frage ist hierbei nicht, was Unterhaltung ist, was gute oder schlechte Unterhaltung darstellt. Entscheidend ist allein die Tatsache, dass Medien unterhalten. Für sie stellt Unterhaltung ebenso Information dar wie der Bericht über eine Bundestagsdebatte, die ebenfalls als Unterhaltung betrachtet werden kann, wenn sie als solche dargestellt wird. Unterhaltung „selbst ist keineswegs irreal (im Sinne von: nicht vorhanden). Sie setzt durchaus selbsterzeugte Realobjekte, sozusagen doppelseitige Objekte voraus, die den Übergang von der realen Realität zur fiktionalen Realität, das Kreuzen der Grenze ermöglichen. Das sind Texte oder Filme. Auf der ‚Innenseite’ dieser Objekte findet sich dann, in der realen Realität unsichtbar, die Welt der Imagination. Diese Welt der Imagination benötigt [...] keine Spielregeln. Stattdessen benötigt sie Information. Und genau das ermöglicht es den Massenmedien auf Grund ihres Codes Information/Nicht-Information, einen Programmbereich Unterhaltung aufzubauen.“35 Dabei steht außer Zweifel, dass die Informationen einen hohes Maß an „Realität“ in sich tragen. Der Leser muss in der Lage sein, die Informationen mit seinem Erfahrungshorizont abgleichen zu können.36

5.2.2. Theorien zu den Selektionskriterien der Medien

Medien selektieren einige wenige Ereignisse des Weltgeschehens, um ihnen dann durch die Publizierung Gewicht zu verleihen. Den Fragen, warum die Medien sich dergestalt verhalten und wie die Medien Nachrichten selektieren, gehen Forschungszweige nach, die aus den US-amerikanischen Politik- und Kommunikationswissenschaften hervorgegangen sind.

Lippmann37 erkennt in seinem zunächst 1922 erschienenen Buch „Public Opinion“, dass Zeitungen immer - bevor das Produkt beim Leser erscheint - durch eine Vielzahl von Entscheidungen vorgeben, welche Themen in welcher Form in der Zeitung erscheinen. Nach Lippmann gibt es keine Regeln, wohl aber Konventionen, die er als „news value“38 bezeichnet. Sie bestimmen beziehungsweise erhöhen die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ereignis Niederschlag in den Medien findet. Nachrichten gelten nach Lippmann dabei nicht als „Spiegel gesellschaftlicher Zustände“, sondern als „Bericht von Aspekten, die sich selbst aufgedrängt haben“.39 In den folgenden Jahrzehnten sollte diese Sicht als „Nachrichtenwerttheorie“ Karriere machen.40 Lippmann gilt als der erste, der sich mit Selektionskriterien der Medien beschäftigte. Bei der Auswahl gibt es danach eine Vielzahl von Übereinstimmungen unter Journalisten, die es ermöglichen, dass standardisierte Entscheidungsprozesse gefiltert werden können. Nachrichtenwerte sind demnach:

Eindeutigkeit des Geschehens,

Überraschung,

Konflikt,

persönliche Betroffenheit und

räumliche Nähe“.41

Vor allem aber erkennt Lippmann an, dass Nachricht und Wahrheit deutlich voneinander getrennt werden müssen. „Die Funktion der Nachricht besteht darin, ein Ereignis anzuzeigen, die Funktion der Wahrheit ist es dagegen, Licht in verborgene Tatsachen zu bringen, sie miteinander in Beziehung zu setzen und ein Bild der Wirklichkeit zu entwerfen, nach dem die Leute handeln können.“42 Auch seien Zeitungen schlicht nicht in der Lage, die Menschheit als Ganzes zu beobachten. „Sie haben ihre Beobachter an gewissen Orten stationiert, zum Beispiel im Polizeipräsidium, im Schöffengericht, im Grafschaftsamt, im Rathaus, im Weißen Haus, im Senat, im Repräsentantenhaus und so weiter. Sie sind an einer verhältnismäßig kleinen Zahl von Orten angestellt, wo es bekannt wird, wenn das Leben eines Menschen vom normalen Weg abweicht, oder wenn sich Ereignisse begeben, die wert sind, erzählt zu werden.“43

Lippmann erkennt bereits damals an, dass der Mensch seine Umgebung aufgrund der hohen Komplexität rekonstruieren müsse. Dadurch entstünde „ein Bild der Umwelt, wie es sich der Mensch mehr oder weniger selbst schafft“.44

Zu ähnlichen Selektionskriterien wie Lippmann kommt etwa auch Warren 1934, als er

Nähe,

Prominenz,

Überraschung oder

Konflikte

nennt.45


Ein zweiter Forschungszweig ist die Gatekeeper-Forschung, auch News-Bias-Forschung benannt, die in den fünfziger Jahren in den USA aufkam. Demnach hängt die Nachrichtenauswahl stark von den subjektiven Einstellungen und politischen Vorurteilen der Journalisten ab wie aber auch von objektiven Problemen. White etwa hatte für diese Erkenntnis eine Woche lang einen Schlussredakteur einer kleinen Tageszeitung gebeten, immer wieder Begründungen zu jeder Nachricht zu notieren, die dieser nicht veröffentlicht hatte, und entwickelte darüber die zentralen Selektionskriterien.46 Die Gatekeeper-Forschung beschäftigt sich mit sozialen und ökonomischen Kanälen, bei denen „Pförtner“ entscheiden, ob Kommunikation hindurch gelassen wird oder nicht. Die soziale Organisation ist nach Lewin/Graumann47 als eine Art Kanalsystem zu betrachten, das von Pförtnern gesteuert wird. Den Pförtnern kommt damit ein Machtpotential zu, das auch auf Medien übertragen wurde. Der Redakteur sei es, der entscheide, ob eine Information zu einer Nachricht transformiert werde oder nicht. Dies hatten US-Wissenschaftler wie White untersucht, bevor in Deutschland überhaupt eine nähergehende Kommunikationsforschung eingesetzt hatte.

Später fand ein Umschwenken statt, indem nicht mehr so sehr auf Einzelpersonen und deren „Gatekeeper-Funktion“ abgestellt wurde, sondern vielmehr auf die Organisationen . So wurde festgestellt, dass Redakteure in ihren Entscheidungen beeinflusst wurden von strukturellen Abhängigkeiten innerhalb und außerhalb des Systems. „Die Redakteure sind nach dieser Konzeption in ein Organisationssystem eingebunden, das sich über einen permanenten Kommunikationsfluss ständig selbst reguliert und dafür sorgt, dass die Art der Nachrichtenselektion das System stabilisiert.“48 Östgaard trennt zum einen Einflüsse höherer Gewalt, die der Journalist nicht bestimmt, wie etwa Zensur, Verbote oder ökonomische Zwänge des Verlegers.49 Die zweite Gruppe der Einflüsse bezieht sich auf Arbeitsweisen im Journalismus. Empirische Ergebnisse anderer Wissenschaftler wurden herangezogen und verglichen und drei wesentliche Einflüsse identifiziert:

Simplifikation,

Identifikation und

Sensationalismus

bestimmen demnach die Inhalte der Medien.50


Als Simplifikation sieht Östgaard das Bestreben der Medien, komplexe Sachverhalte reduziert und simpel darzustellen. Systemtheoretisch kann diese Annahme bestätigt werden, da die Medien nicht zuletzt durch die gestiegene Komplexität in der Gesellschaft, die funktionale Differenzierung, ihre Legitimation bezogen haben. Ihre Hauptleistung besteht in der Reduktion von Komplexität. Zugleich behauptet Östgaard, dass einfache Nachrichten komplexeren vorgezogen würden. Der zweite Einflussfaktor, die Identifikation kann als „lokaler Bezug“ und „Grad der Betroffenheit“ übersetzt werden. Östgaard begründet das Kriterium damit, dass der Leser durch Betroffenheit Aufmerksamkeit und Interesse bekundet51. Ähnliches gilt für den dritten Faktor den Sensationialismus – jene Meldungen, die Skandale und Katastrophen thematisieren. Östgaard leitet daraus Konsequenzen ab: Massenmedien neigten dazu, den Status quo zu verstärken, die Bedeutung von Entscheidungen zu übertreiben: Nachrichten stellten die Welt konfliktträchtiger dar als sie sei.52

Weiter ausgeführt haben Östgaards Untersuchungen Galtung und Ruge.53 Sie haben darüber hinaus ein Theoriegerüst erstellt inklusive eines Kriterienkatalogs für die Nachrichtenauswahl, wobei sie sich wie Östgaard auf die Auslandsberichterstattung konzentrierten. Galtung und Ruge machten insgesamt zwölf Nachrichtenfaktoren aus. Dazu zählen

die Frequenz, d.h. die Zeitspanne, die das Thema benötigt, um sich zu entwickeln und entsprechende Bedeutung zu erlangen;

der Schwellenfaktor, das heißt, das Thema muss eine Aufmerksamkeitsschwelle überschreiten;

die Eindeutigkeit;

die Bedeutsamkeit; die Bedeutung für den Leser und seine Nähe zum Thema;

die Konsonanz; Themen, die im eigenen Erwartungshorizont liegen;

die Überraschung;

die Kontinuität; hat also ein Thema die Nachrichtenschwelle überschritten, dann wird darüber berichtet, auch wenn es im Vergleich zu anderen Themen eine eher geringe Bedeutung besitzt;

die Variation; danach muss die Mischung im Blatt stimmen, auch wenn die Bedeutung der „untergemischten“ Themen eher gering ist;

der Bezug auf Elite-Personen und –Nationen, da ihr Handeln in der Regel eine besondere Tragweite hat;

die Personalisierung;

der Negativismus, auch weil negative Ereignisse meist schnell und plötzlich auftauchen und damit die Nachrichtenschwelle leichter bewältigen.


Galtung und Ruge erkennen einen doppelten Filter, der zu einer „Verzerrung“ der Wirklichkeit führt. Zum einen wird das Ereignis durch die Selektion der Medien und die Wahrnehmung des Journalisten in einen Kontext gestellt (Filter I). Zum anderen wird dieses „media image“ dem Leser zur Verfügung gestellt, der darauf hin sein „personal image“ entwickelt (Filter II).54

Wenn die Medien nach diesen Kriterien arbeiten und darüber hinaus wiederholen, verzerren und selektieren, dann fällt es schwer, den Anspruch des wahrhaftigen Berichtens aufrecht zu erhalten, zumindest aber die Medien an diesem Kriterium zu messen. Schulz führt den Gedanken ein, dass es weniger darum geht zu belegen, ob Medien die Wahrheit abbilden oder nicht. Dies sei erstens nicht zu belegen, und zweitens sei es sinnvoller, die Konstruktion von Realität als eine mögliche Interpretation der Umwelt zu betrachten. Alles andere führt in ein „epistemologisches Dilemma“.55 Schulz kritisiert, dass den Journalisten mit der Verpflichtung, die Realität abzubilden, die Aufgabe zugewiesen werde, als passive Mittler zwischen den Ereignissen und dem Publikum zu wirken so wie es auch in der News Bias unterstellt wird. Er entwickelt die Nachrichtenfaktoren von Ruge und Galtung weiter, ergänzt um politische, ökonomische und soziale Gesichtspunkte. Am Ende nennt Schulz 18 Faktoren, die er auf sechs Dimensionen zurückführt. Es gehe bei Nachrichten nicht um die reine Wiedergabe, die Anzeige von Geschehenem.56 Nach Auffassung von Schulz „sammeln und selektieren“ Massenmedien „nach medienspezifischen Aufmerksamkeitsregeln politische Informationen“ und verbreiten diese großflächig.57

In der Nachrichtenwerttheorie hält sich die Bewertung der Medien über ihre Bereitstellung von „objektiven“ Nachrichten trotz der Anmerkungen von Schulz. So vergleicht etwa der „Medien Tenor“ in seinen Untersuchungen veröffentlichte Pressemitteilungen und deren Niederschlag in den Medien (sogenannte Input-Output-Analyse von Extra-Media-Daten). Fraglich dürfte hierbei mit Blick auf die Strategien politischer Kommunikation sein, inwiefern die Wiedergabe einer Pressemitteilung die Realität spiegelt. „Allerdings wird durch dieses Design streng genommen ebenfalls nicht der Einfluss der Nachrichtenfaktoren auf die Veröffentlichungswahrscheinlichkeit von Ereignissen erfasst, sondern lediglich der Einfluss auf die Auswahl aus bereits von Journalisten vorselektiertem Material.“58 Mc Quail folgt der Annahme einer eigenen Medienrealität. „Die Erfahrung oder auch nur die Pseudo-Erfahrung mit den Erwartungen des Publikums und nicht etwa der Wert der Ereignisse selbst bestimmt demnach die Berichterstattung.“59

Kepplinger erkennt intrinsische Faktoren, resultierend aus den Berufsnormen, die während der Nachrichtenproduktion intern einwirken und seines Erachtens von großer Bedeutung sind. Die anderen Faktoren seien extrinsischer Natur, wie etwa Werte und Ziele des Journalisten, Verhaltenserwartungen und organisatorische Zwänge.60 Er hat darüber hinaus die Skandalisierungstheorie entwickelt, nach der Medien durch ihre Berichterstattung dazu beitragen, die Einstellungen der Bevölkerung zur Politik negativ zu beeinflussen, so dass generell an der Problemlösungsfähigkeit der Politik gezweifelt werde.61

Des weiteren definiert Staab 22 Nachrichtenfaktoren.62 Seine Untersuchung gilt als umfassende Überprüfung der Nachrichtenwerttheorie. Im Ergebnis zeigt sich: Je intensiver die Auseinandersetzung mit den Einflussgrößen von Ereignissen und deren Rezeption in den Medien, desto mehr Faktoren finden sich, die vermeintlich Einfluss auf die Nachrichtenauswahl nehmen.

Alle Forschungsmodelle63 haben eine Grundannahme gemein: Je mehr Faktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Thema von den Medien aufgegriffen wird (Prinzip der Addititvität nach Galtung und Ruge64). Das Prinzip der Komplementarität besagt zudem, dass andere Kriterien umso stärker zutreffen, je geringer andere zum Tragen kommen, soll ein Thema medial Karriere machen. Die Gatekeeper-Forschung hebt die subjektiven und professionellen Auswahlkriterien des Journalismus hervor und betont den Subjektivitätsaspekt, also die Wirkung persönlicher Überzeugungen der Journalisten auf die Nachrichtenauswahl. Eine weitere Grundvoraussetzung eint die Forschungszweige: Unabhängig von der politischen oder ökonomischen Situation gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Nachrichtenauswahl nach bestimmten und vor allem konstanten Kriterien erfolgt.

Die Forschungsansätze stellen primär auf die Psychologie und die Kognition der einzelnen Akteure im sozialen System Medien ab. Es wird unterstellt, dass die Wahrnehmung des einzelnen bereits Selektionsentscheidungen bewirkt. Systemtheoretisch muss aber festgehalten werden, dass nicht der einzelne über die Nachrichtenauswahl entscheidet, sondern die Bedingungen des Systems es sind, die entsprechende Auswahlentscheidungen provozieren. In Ausnahmefällen mag eine Einzelentscheidung Einfluss genommen haben, dies aber wirkt maximal irritierend. Zwar spielen die sozialen Realitäten für jeden einzelnen eine wesentliche Rolle, die Selektion wird aber durch das soziale System determiniert. Nach dem systemeigenen Muster werden Wirklichkeiten selektiert und am Ende Kommunikation produziert.65

5.2.3. Leistungen versus Funktionen der Medien

Die beschriebenen Selektionskriterien der Medien zeigen, dass es unmöglich ist, ein Abbild der Realität herzustellen, wenn Medien Nachrichten produzieren. Informationen werden nicht transferiert, sondern Medien unterscheiden. Letztlich kann Information wie folgt definiert werden: „Information ist eine überraschende Selektion aus mehreren Möglichkeiten.“66 Dies spiegelt die Kontingenz der Medien. Andere soziale Systeme unterscheiden nach wiederum eigenen Kriterien, ob die bereitgestellte Information der Medien für sie einen Unterschied zu Bestehendem bedeutet und damit anschlussfähig ist. Das heißt, die Information darf anderen sozialen Systemen nicht gleichgültig sein, soll sie dort verarbeitet werden. Meldungen über Malaria-Tote in Indien etwa finden in Europa kaum Beachtung, Pest-Tote in Indien indes werden sehr wohl von den europäischen Medien aufgegriffen, weil „Pest“ aus der Historie der europäischen Nationen heraus auch heute noch ein Reizwort ist. Das Neue wird dabei stets in einen bereits existierenden Kontext gestellt.

Weil nicht die (oder eine) Wahrheit für die Kommunikation im System Medien ausschlaggebend ist, sondern die Codierung „Information/Nicht-Information“, selektieren Medien anders als andere Systeme. Medien müssen aus der Fülle der Informationen auswählen. Vor allem durch die schnelle, weltweite Verbreitung von Informationen gewinnt dies an Bedeutung. Selektion darf dabei nicht mit Willkür gleich gesetzt werden, sondern erfolgt immer bewusst aus der aktuellen Situation heraus; sie muss viabel sein, darf also beim Vergleich mit existierenden – und vor allem beim Vergleich mit denen als mehrheitlich akzeptierten - Realitäten nicht scheitern.

Wenn es um Nachrichten und Berichte geht, macht Luhmann folgende Selektionskriterien aus:

Neuigkeitswert.

Konfliktträchtigkeit.

Quantitäten.

Lokaler Bezug.

Normverstöße und Skandale.

Moralische Bewertungen.

Personalisierung.

Konzentration auf Einzelfälle.

Geäußerte Meinungen.

Tägliche Rubriken und Schablonen.67


Mangelnde Objektivität der Medien beginnt und manifestiert sich in der Selektion von Nachrichten. Aus Sicht des radikalen Konstruktivismus ist dagegen alles eine Konstruktion von Realität. Denn Tag für Tag stellt sich in unzähligen Redaktionen die Frage: Was ist unsere Schlagzeile, welche Nachricht kommt auf welche Seite, wie viele Zeilen ist uns das Thema wert, welche Informationen bringen wir nicht? Über die Selektionsmechanismen entsteht eine konstruierte Realität, die der Öffentlichkeit als gegeben verkauft wird. Die Welt als solche in ihrer Darstellung muss sogar konstruiert sein, weil sie in ihrer Komplexität schlichtweg nicht abbildbar ist. Gleichzeitig kann die Relevanz einer Nachricht nur aus dem Erfahrungshorizont, aus dem eigenen Wissen derer bewertet werden, die darüber entscheiden, was Information und was Nicht-Information ist.

Es ist bereits angeklungen, dass die Wahrheitsansprüche, die an das Mediensystem herangetragen werden, dieses systematisch überfordern. Das Mediensystem schließlich Zeitproblem: Es ist ahistorisch, es arbeitet ohne Fußnoten. Der Zwang, Informationen zu produzieren, bestimmt das System. Es ist permanent zu ambivalent, zu kompliziert, zu spät. So werden exklusive Meldungen aus früheren Monaten einmal mehr zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es der Kontext erneut und erfolgreich provoziert, wieder als exklusive Meldungen erfolgreich verkauft. Dies ist umso wahrscheinlicher, je mehr Informationen entstehen, weil dadurch die Komplexität des Systems steigt.

Medien produzieren Kommunikation und damit Nachrichten. Die von der klassischen Politikwissenschaft kritisierten „Neophilie“ hat für Medien einen anderen Stellenwert. Für Medien wie etwa „Welt am Sonntag“, „Focus“, „Spiegel“ (aber auch andere Printmedien) spielt die Zitation in anderen Medien eine wesentliche Rolle. Sie bedeutet letztlich eine gewisse Hierarchiebildung innerhalb des sozialen Systems Medien. Für diese Medien hat die Zitation auch ökonomische Bedeutung: Werden sie in anderen Medien zitiert, so steigt die Auflage. Vor allem seit dem Regierungsumzug gilt dies umso mehr. Dies wurde auch in Gesprächen mit Journalisten, Pressesprechern und Abgeordneten immer wieder deutlich: Seit die Regierung vom Rhein an die Spree gezogen ist grassiert die „Exklusivitis“. „Wir kennen unsere Neigung zur ‚Exklusivitis’, zur eigenen, exklusiven Nachricht, die das gemeinschaftliche Erarbeiten von Informationen immer mehr verdrängt.“68

Dieses Verhalten hat sich am neuen Regierungssitz zwar verstärkt, ist aber keineswegs ein neues Phänomen. Bruns, Vorsitzende der Bundespressekonferenz, registriert: „Durch den Umzug sind wir mitten im digitalen Medien-Zeitalter gelandet, das in Bonn nur gedämpft zu spüren war. Medien und Politik befinden sich im Umbruch.“ 69

Ausdruck der Dynamik ist dabei die Rangfolge der zitierten Medien, die etliche Zeitungen sogar veröffentlichen, wobei auch Nachrichtenagenturen genau darauf achten, wie oft welche Meldungen von anderen Medien übernommen wurden. Da die Leitcodierung des sozialen Systems Medien die Differenzierung Information/Nicht-Information ist, müssen die Vergleiche über die Zitation eine zwangsläufige Folge sein. Wer also erfolgreich Bekanntes von Unbekanntem trennt, arbeitet letztlich im Sinne des Systems erfolgreich. Jedes soziale System steht unter Selektionszwang, da es die Umwelt nicht Punkt für Punkt repräsentieren kann. Die Systemleistung der Medien besteht in der Reduktion der Komplexität. Neue Information bedeutet wiederum Kommunikation. Neophilie ist daher eine Systemleistung, über die sich das Mediensystem von anderen abgrenzt (Literatur, Wissenschaft). Erst in dieser Beschränkung besteht ihr Reichtum.

Eine weitere Funktion der Medien liegt in der Unterhaltung. Es findet häufig in den Medien eine Emotionalisierung statt, wie sich immer wieder etwa an den Hauptmeldungen der „Bild“-Zeitung zeigen lässt. Sie kann auch als „Boulevardisierung“ von Informationen bezeichnet werden und befriedigt die Lust der Menschen an der Unterhaltung. Annähernd 4,5 bis sechs Millionen Menschen lesen Tag für Tag die „Bild“. Die erfolgreichst deutsche Tageszeitung bietet eine Mischung aus Skandal, Sex, Sport und Politik an, um ihre Leser zufrieden zu stellen.

Aufgrund der oben angeführten Untersuchungen zu Leserverhalten und -bedürfnissen kann festgehalten werden, dass Leser regelrecht Unterhaltung erwarten, wenn sie eine Zeitung lesen. Dabei darf der Begriff der Unterhaltung nicht missverstanden werden als humorige Berichterstattung über vermeintlich randständige Themen. Unterhaltung ist ebenso bedeutsam in Bezug auf die Berichterstattung in Politik und Wirtschaft.70 Gute Unterhaltung honorieren die Leser mit Treue (Abonnements). Menschliche Neigungen wie Neugierde oder Schadenfreude heben das Interesse der Leser an unterhaltenden Themen. Skandale und Außergewöhnliches gehören zu unterhaltenden Elementen, die Medien selektieren. Aber auch andere Themen gewinnen an Unterhaltung, wenn sie entsprechend stilistisch aufbereitet werden (Feature, Reportagen, Portraits oder Dossiers).

Infolgedessen liegt bei dieser Art der Berichterstattung der Fokus nicht zwingend auf der neutralen und distanzierten Berichterstattung. Provokant könnte gefragt werden: Erwartet der Leser überhaupt, wahrhaftig informiert zu werden? Langfristig schon, in der kürzen Frist hat aber Wirklichkeitsillusion nur das Außergewöhnliche eine Chance, als solches über die Medien überhaupt wahrgenommen zu werden. Zwischenzeitliche Irritationen müssen dabei nicht unbedingt negativ ausgelegt werden. Ein Beispiel: Die New York Sun nutzte bereits im 19. Jahrhundert den Drang der Menschen, unterhalten zu werden. Im Jahr 1835 etwa druckte sie eine Artikel-Serie, die angeblich aus dem „Edingburgh Journal of Science“ stammte. Das Magazin existierte ebenso wenig wie die Geschichte, dass ein gewisser Sir John Henschel am Kap der guten Hoffnung mit einem Teleskop üppige Vegetation und Lebewesen erblickt haben sollte. Die Lebewesen hätten gelbliche Gesichter und seien stark behaart. Mit der ersten Serie verkaufte die Sun 15 000 Exemplare, tags darauf 19 360 – Weltrekord. Erst Tage später löste die Sun die „Zeitungsente“ auf. Die Leser dankten es amüsiert mit zahlreichen Abonnements.71

Es ist nachzuvollziehen, dass zu der damaligen Zeit Falschmeldungen leichter Eingang in die Zeitungen fanden. Kommunikationstechniken waren nur rudimentär verbreitet, so dass sich der Wahrheitsgehalt, je entfernter der Bezugpunkt der Geschichte war, in den seltensten Fällen überhaupt überprüfen ließ. Dennoch bleibt eine Wesensfunktion der Medien in der Konstruktion von Realität bestehen. Die hergestellte Wirklichkeit muss die Illusion ihrer selbst erhalten, ansonsten verlieren Medien ihre Legitimation. Insofern können sich Zeitungen bewusste, fern ab der Systemlogik entwickelte Konstruktionen (also Falschmeldungen) nur leisten, wenn sie selten und damit lediglich irritierend auftreten. Die permanente Auflösung der Wirklichkeitsillusion führt zur Auflösung des sozialen Systems. Infolgedessen ist es zwangsläufig, dass Medien nach Objektivität und Wahrhaftigkeit streben und streben müssen.